Wochenandachten 2021

Wenn du durch Wasser gehst - 31.7.2021

Bilder vom Hochwasser haben sich eingeprägt. Mehr als 180 Menschen haben ihr Leben verloren, darunter sechs Feuerwehrleute. Tausende Häuser sind zerstört, viele gar nicht mehr da. Brücken und Straßen sind nicht befahrbar. Existenzen sind zerstört. Und noch immer werden Menschen gesucht. Die materiellen Schäden können bisher nur grob geschätzt werden. Das Hochwasser ist die bis jetzt größte Naturkatastrophe in unserem Land. 

Und doch: eine unglaubliche Solidarität hat unser Land erfasst. Betroffene sind überrascht und dankbar für die Hilfe durch völlig unbekannte Menschen. Neben der praktischen Hilfe ist die Seelsorge wichtig. So waren in den letzten Tagen viele Notfallseelsorger bei den Betroffenen. Andere haben mitgeholfen, wenn Leichen zu bergen waren. Vor allem aber geht es darum, zuzuhören,was die Betroffenen zu erzählen haben und ihnen Mut zu machen für den Wiederaufbau.

Wenn ich an die Bilder aus dem Ahrtal, aus Euskirchen und anderen Orten denke, kommen mir dazu Worte aus der Bibel in den Sinn (aus der alttestamentlichen Lesung für die Woche der Katastrophe!): „Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, und wenn du durch Ströme gehst, sollen sie dich nicht ersäufen. Denn ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland.“ (Jesaja 43, 2+3a). Das ist krass!

Diese Worte an das Volk Israel betonen Gottes Nähe in der Bedrohung des Lebens. Beinahe zu starke Worte: wie konnte es geschehen, dass soviele Menschen in dieser Katastrophe umgekommen sind? Gott bewahrt nicht immer vor Unglück, aber er verspricht seine Nähe. Das gilt auch im größten Chaos, in dieser extremen Lebensbedrohung, in der auch einige Helferinnen und Helfer ihr Leben gelassen haben. Auf Gott können wir bauen, diejenigen, die alles verloren haben, und auch diejenigen, die helfen und unterstützen. Weil Gott seine Nähe zusagt, ist Zuhören möglich, Wahrnehmen von zerstörtem Leben und von ungewissen Schicksalen. 

Weil Gott auch in der Krise da ist, haben in vielen Kirchen am 23. Juli die Glocken zum Gedenken an die Betroffenen der Hochwasserkatastrophe geläutet. Gott steht uns Menschen bei, auch in der tiefsten Krise.   

Ihr Pastor Friedrich Kanjahn   

Tag der Freude - 24.7.2021

„Noch 160 Tage bis Jahresende“ wird uns am 24. Juli verkündet – am internationalen Tag der Freude, zufällig im Kalender entdeckt und überlegt, in wie vielfältiger Form ich Freude erlebe und darüber schreiben möchte: Seit einem 3/4 Jahr freue ich mich über meine täglichen Fahrten ans Meer. Gern haben wir es früher mit Rädern umrundet! Jedes Mal war es wie Urlaub, wenn wir an den verschiedenen Aussichtspunkten am Steinhuder Meer die Natur so herrlich beobachten konnten. Schon damals fühlte ich mich da unserem Schöpfer besonders nah und empfand dankbare Freude.

Und jetzt? Die Freude am sich immer wandelnden Meer mit den vielen verschiedenen Stimmungen ist weiterhin da -  jetzt Rollstuhl schiebend, nur ein kleines Stück des 32 km langen Rundweges, den Promenaden-Weg, entlang. Sturm und Regen, Hagel und Schnee, klirrende Kälte, herrliche Sonne, laue Lüfte, seichte Winde…und vieles mehr, haben wir erlebt. Corona hat uns begleitet und manchmal sehr traurig gemacht, aber draußen durften wir trotz allem zusammen sein, wenn auch dick eingepackt und manches Mal fröstelnd:

Tag für Tag Erlebnisse am Meeresrand

schiebend - Plaudern, Trösten, Hoffnung wie ein Band,

wo der weite Himmel manchmal sich zu öffnen scheint,

wunderbare Wolkenbilder - Sonne oder Mond vereint…

mal grau, ganz dunkel, heller, gelb und leuchtend blau,

rot, orange, gestreift, mal totaler Wolkenstau.

Vom Sturm geformte Bäume und vom Schilf der Saum,

oft raschelt es, weht hin und her, wiegt sich im Traum.

Die Möwen kreischen laut, versammelt Vögel aller Art.

Auf Pfählen Kormoran, manch Reiher in das Wasser starrt.

Auch Enten, Haubentaucher ziehen ruhig ihre Bahn.

Ein Schwanenpaar hat eifrig seine Pflicht getan.

In Ufernähe bauten sie mit viel Mühe ein robustes Nest, das täglich größer wurde. Dann brüteten sie abwechselnd, und  mit uns erfreuten sich viele Menschen daran und warteten auf den Nachwuchs. Doch plötzlich war das Nest leer, grausam zerstört. Ein Natur-Beobachter hatte das an einem frühen Morgen entdeckt. Seitdem zieht nur noch der übrig gebliebene Schwan seine Bahn entlang des Uferweges, hoffentlich bald wieder in Partnerschaft. Verbunden mit ihm und unzählig vielen Geschöpfen in der Natur ist kann himmlische Freude spürbar und erfahrbar sein– als Gefühl des Getragenseins oder als Empfinden, Teil von Gottes Schöpfung zu sein…und dabei auch immer wieder die Erkenntnis, dass wir Mitverantwortliche für ihre Bewahrung sind! In vielen Psalmen kommt das zum Ausdruck, oft begleitet von Bitten, Klagen und Nöten. Ich erwähne nur einmal Psalm 30,6 „Wenn man am Abend auch weint, am Morgen herrscht wieder Jubel.“ Wie tröstlich kann ein gutes Wort, spontane Hilfe, eine freundliche Geste sein…eine Aufmunterung, ein Spaziergang durch die Natur – Freude pur!

U.Wiebe, Schloß Ricklingen

„In dir ist Freude, in allem Leide…“ dieser Liedtext bewegt mich zur Zeit ganz besonders, wenn ich an die vielen Mitmenschen denke, die durch die verheerenden Überschwemmungen unendlich viel Leid ertragen müssen.

Beinbruch - 17.7.2021

Ich habe mir den Fuß gebrochen. Nichts Dramatisches. Routine im Krankenbetrieb. Und doch durchbricht das alle Routinen. Ein Körperteil erfüllt seine Funktion nicht. Alle anderen leiden mit. Weil ich die Hände brauche, um die Gehhilfen zu halten, kann ich nichts mehr tragen. Weil mich der Schmerz durchzuckt, kann ich mich nicht konzentrieren.

Paulus vergleicht die Gemeinde mit dem eigenen Körper. So wie das Zusammenspiel der unterschiedlichen Körperteile für ein reibungsloses Funktionieren sorgt, so ist die bunte Vielfalt in der Gemeinde nötig, damit diese lebendig bleiben kann. Zu Beginn der Pandemie konnten wir das erleben: Menschen haben sich gegenseitig geschützt und füreinander Aufgaben übernommen. Jetzt erleben ich das oft anders: Die Bereitschaft für das Gemeinwohl zurückzustecken, hat nachgelassen. „Abstandsregeln schön und gut – aber für meine Feier mache ich da mal eine Ausnahme.“ „Reisewarnungen, ok, aber in meinem Hotel wird schon nichts passieren!“

Wir alle sind ungeduldig geworden. Endlich wieder normal leben! Bei Knochenbrüchen können die Ärzte aus Erfahrung ziemlich genau vorhersagen, wann was wieder möglich ist. Und schon für diesen Zeitraum, fällt mir die Geduld schwer. Im Umgang mit einer Virus-Pandemie fehlt diese Erfahrung. Viele Faktoren greifen ineinander. Das Entstehen der Mutationen macht aber deutlich, dass die ganze Menschheit hier als ein Körper zusammenhängt. Nicht die Impfquote einzelner Länder entscheidet über den Erfolg, erst der weltweite Impferfolg wird dem Virus die Basis nehmen, um sich schnell verändern zu können.

Ihr seid ein Leib: Gemeinde – Staat – Weltbevölkerung. Jede und jeder ist Teil des Ganzen. Jede und jeder trägt an seinem Ort für das Gelingen des Ganzen bei. Sie und ich sind Teil von Kirche und Staat. Wir tragen mit unserem Tun und Lassen dazu bei, diese Welt lebenswert zu erhalten.

„Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.“ 1. Korinther 12, 26

Pastor Thomas Gleitz, Stiftskirche Wunstorf

Herzenshunger - 3.7.2021

Letztens fiel mir ein Notizbuch in die Hand, in das ich zuletzt vor drei Jahren hineingeschrieben hatte. Ich blätterte ein wenig und las darin. Ich fand Gedanken zu meinen Kindern, ein Exzerpt eines Buches zu Erziehungsfragen, Mitschriften aus Fortbildungen zu verschiedensten Themen und Gedankenfetzen, die ich irgendwo aufgeschnappt und im Büchlein festgehalten habe. Hängen blieb ich an einer Seite mit der Überschrift „Achtsamkeit - heute den Herzenshunger erkennen“. Welch schönes Wort: Herzenshunger. Wonach hungert mein Herz? Sofort kann ich antworten: Nach Kontakt! Und Begegnung, die ja immer mehr gerade wieder möglich ist. Zudem gibt es einen Hunger nach guten Gefühlen, nach Nähe, nach Anerkennung, nach Liebe, nach sich lebendig fühlen, nach angeregt werden, nach Austausch, nach Geselligkeit und auch nach Rückzug und Zeit mit mir.

„Ich bin das Brot des Lebens“ sagt Jesus in Joh. 6 „Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern…“ – das Brot des Lebens wird in Beziehung erfahren, der Herzenshunger in Begegnungen gestillt. Nie stand es mir so sehr vor Augen wie nach dieser Zeit des „social distancing“, der Videokonferenzen, der starken Reduzierung von live-Kontakten auf möglichst wenige und gleiche Kontakte.

 „Essen ist eine höchst emotionale Angelegenheit“ entnehme ich weiter meinen Notizen. Das stimmt, was gibt es für Debatten um gesunde Ernährung, um klimaverträgliche Ernährung, um veganes Essen. Und welches Essen tut mir eigentlich gut und macht mich zufrieden? Und wie schön ist es auch, in einer Runde mit anderen zu speisen uns leckeres Essen zu genießen!

Welche Nahrung brauche ich für mein Leben? Und welche Menschen stillen meinen Herzenshunger? Was ist Magenknurren, was Herzenslust? Das sind Fragen, die auch in der Lebensberatung bewegt werden: Heute den Herzenshunger erkennen!

Christine Koch-Brinkmann, Leiterin der Lebensberatung für Einzelne, Paare, Familien / Supervision des Kirchenkreises Grafschaft Schaumburg und Neustadt-Wunstorf

Lesen – Sehen – Staunen: es gibt viel zu entdecken - 5.6.2021

Eine grüne Raupe mit rotem Kopf – wer kennt sie nicht die kleine Raupe Nimmersatt. Auch ich mag diese kleine Raupe: was sie alles fressen kann. Natürlich bekommt sie Bauchschmerzen. Und dann braucht es nur noch ein grünes Blatt und etwas Zeit und das Wunder geschieht: sie wird zum wunderschönen Schmetterling.

Eric Carle verzaubert seit mehr als 50 Jahren große und kleine Menschen auf der ganzen Welt mit dieser ganz einfachen Geschichte. Auf das Wichtigste konzentriert lässt er mit kräftigen Farben und wenigen Worten kleine wie große Menschen staunen über etwas, was sie eigentlich wissen. Eric Carle ist vor zwei Wochen in den USA verstorben. In den USA ist er auch geboren. Seine Eltern, deutsche Auswanderer, kehrten 1935 nach Deutschland zurück als er sechs Jahre alt war. Die farbenfrohen Bilder in seinen Büchern hat er selbst als Gegenmittel zu den Graus und Brauns seiner Kindheit in Deutschland bezeichnet. Eric Carle hat von einem bekannten Vorgang aus der Natur erzählt. Natürlich lernt das jedes Kind noch einmal in der Schule. Und doch – ich entdecke in der Raupe Nimmersatt viel mehr als biologische Zusammenhänge.  

Ich freue mich an den bunten Farben und lasse mich einladen, diese auch in meinem Leben zu entdecken. Mein Leben hier und heute besteht – Gott sei Dank - nicht aus einem eintönigen Grau. Mein Leben ist bunt und vielfältig mit seinen Möglichkeiten und Herausforderungen. So viele Farben und Formen, die Gott in seine Schöpfung aufgenommen hat, gibt es gerade in diesen Sommertagen zu entdecken. So viel gibt es an bunten Früchten zu genießen. So viele verschiedene Menschen bereichern mit ihren Lebensgeschichten mein Leben.

Ich freue mich an dieser kleinen Raupe, die sich sowohl durch süße Törtchen als auch durch saure Gurken hindurchfrisst. Für mich ist das ein Bild für die Offenheit für das Leben. Wie überraschend kann das Leben schmecken, wenn man ihm neugierig begegnet und vieles ausprobiert – auch auf die Gefahr hin, Bauchschmerzen zu bekommen.

Ich freue mich auch an dieser Verwandlung von der Raupe zum Schmetterling. Und ich entdecke auch viele Verwandlungen in unserem Leben: vom kleinen Kindergartenkind zum großen Schulkind, vom unerfahrenen Auszubildenden zum bewährten Kollegen, von der interessierten Beobachterin der Politik zur aktiven Mitgestalterin.….. Leben bedeutet immer Veränderung – und das hört nie auf.

Diese Verwandlung von der Raupe zum Schmetterling ist für mich auch ein Bild für die Auferstehung, die uns nach unserem Tod verheißen ist. Und ich bin mir sicher: auch da – bei Gott - gibt es viel zu entdecken.

Christa Hafermann, Pastorin im Kirchengemeindeverband Südland/Kolenfeld

und stellvertretende Superintendentin im Kirchenkreis Neustadt-Wunstorf

Der Urknall und der Hahn - 29.5.2021

Ein Gespräch von zwei siebenjährigen Jungen auf dem Schulweg. „Glaubst du eigentlich an Gott?“ fragt A. seinen Freund. „Ja klar!“ antwortet B. „Ich nicht. Gott gibt es doch gar nicht! Den kann man doch gar nicht sehen!“ erwidert A. B. antwortet prompt: „Trotzdem gibt es Gott! Oder wer sollte sonst den Urknall ausgelöst haben? Das kann doch nur einer gewesen sein. Nämlich Gott!“

Eine starke Aussage. So voller Überzeugung und Vertrauen, vollkommen selbstverständlich. Ein Glaubensbekenntnis. Und das einfach so, mitten im Alltag. Ohne zu überlegen, was denkt der andere dann wohl von mir?

Mir fällt dazu Petrus, einer der Freunde Jesu, ein. Jesus sagte voraus, dass Petrus ihn später verleugnen wird. Petrus wollte das nicht wahrhaben und bestritt dies. Aber es kam genau so. Bevor der Hahn krähte, hatte er bereits dreimal abgestrittten, dass auch er zu den Freunden von Jesus gehört.

Verwerflich? Verächtlich? Erschütternd? Nein, menschlich. Petrus hatte Angst körperliche Gewalt zu erleiden und verneinte deshalb seinen Glauben. Eine Situation, die wir vielleicht nicht genauso kennen. Aber Angst vor unbequemen Fragen zu unserem Glauben, vor verächtlichen Blicken, kennen die meisten von uns.

Ich wünsche mir, dass die kindliche Unbeschwertheit von B. viel öfter unser Reden und Handeln beeinflusst. Wir können und dürfen zu unserem Glauben stehen und ihn auch öffentlich bekennen!

Tanja Giesecke, Diakonin in der Stiftskirchengemeinde Wunstorf

Pfingsten oder Worte, die Leben ermöglichen - 22.5.2021

Worte gehören zu unserem Leben. Sie gehören zu unserem Leben wie die Luft zum Atmen. Sie sind so selbstverständlich, dass uns dies oftmals gar nicht bewusst ist. Es gibt unterschiedliche Worte. Worte, die belanglos und nichts sagend sind. Es gibt Worte, die uns gut tun, die uns helfen, Mut machen, trösten, aufrichten. Es gibt aber auch Worte, die verletzen. Gewollt oder ungewollt. Worte, die zerstören anstatt aufzurichten. Worte können sehr langlebig sein, bleiben im Gedächtnis. Begleiten uns über einen langen Zeitraum unseres Lebens. Das gilt auch für Gottes Wort. Es zeigt Wirkung. Manchmal lange Zeit gar nicht bewusst. Aber dann doch spürbar. Spürbar, wenn wir gar nicht damit rechnen. Das haben auch die Jünger Jesu damals erfahren. Nach Jesus Auferstehung waren sie froh, die Traurigkeit vom Karfreitag war verschwunden. Jesus zeigte sich ihnen wie Lukas schreibt, vierzig Tage lang. Bevor er vor den Augen der Jünger emporgehoben wurde und eine Wolke ihn aufnahm sprach Jesus diese Worte: : „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein.“ Nachzulesen in der Apostelgeschichte des Lukas im 1. Kapitel. Starke Worte und ein Versprechen. Am Pfingstfest erfüllte sich das Versprechen. Ängstlich und mutlos hatten sich die Jünger in einem Haus zurückgezogen. Jesus war nicht mehr bei ihnen, Was sollte nun werden? Plötzlich war es mit der Angst vorbei. Die Jünger spürten eine innere Stärke, die sie vorher nicht gekannt hatten. In der Bibel steht: „ es geschah ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an, zu predigen in anderen Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.“ Die Angst, die Mutlosigkeit war verschwunden. Die Jünger waren „Feuer und Flamme“ für Jesus. Und sie mussten erzählen. Erzählen von Jesus Christus., der ihnen die innere Freiheit geschenkt hat. Die Worte sprudelten nur so aus ihnen heraus

Der ökumenische Pfingstgottesdienst am Pfingstmontag, der aufgrund von Corona in diesem Jahr als Zoomgottesdienst stattfindet, steht unter dem Motto „Entflammt“. Bitten wir Gott, dass er uns immer wieder seinen Geist schenkt und wir mit Begeisterung von unseren Glauben reden können. Das wir Gottes Liebe ausstrahlen und „Feuer und Flamme“ für Gott und Jesus Christus sind

Marlene Richter, Prädikantin, Stiftskirchengemeinde Wunstorf

Abschiede - 15.5.2021

Liebe Leser und Leserinnen,

Abschiede sind oft schmerzhaft - das Zurückbleiben auf dem Bahnsteig, das Hinterherschauen hinter dem abhebenden Flugzeug, das Winken beim Abfahren des Autos. Einer bricht auf – vielleicht in einen neuen Lebensabschnitt, einer bleibt zurück. Es entsteht ein Gefühl von Leere und Verlust. Oft entstehen solche Abschiede, wenn Kinder groß werden: Das erste Ferienlager ohne Eltern, 4 Wochen Norwegen – ein großer Reisebus, der verschwindet. Winkende Eltern und die Sorge darum, dass alle wohlbehalten zurückkehren. Der Abschied am Flughafen vor einem Auslandsjahr. Der endgültige Auszug, um auf eigenen Beinen zu stehen. Manchmal gibt es berufliche Notwendigkeiten, die Paare in die Wochenendbeziehung drängen:  Abschiede am Sonntagabend. Diesen Abschieden ist gemeinsam, dass sie eine Perspektive haben. Kinder kommen zurück aus Ferienlager und Auslandsaufenthalten und die Verbindung reißt nicht ab, wenn sie ihren Lebensmittelpunkt woanders haben. Berufliche Herausforderungen ändern sich und machen einen gemeinsamen Alltag wieder möglich. Vielleicht sind all diese nicht-endgültigen Abschiede ja auch nur die Trainingseinheiten für die großen Abschiede, denen wir uns stellen müssen, wenn der Tod nach unserem oder dem Leben unserer Lieben greift. Im Kirchenjahr befinden wir uns gerade in so einer Abschiedszeit, der Zeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Die Bibel erzählt von dem endgültigen Abschied Jesu von seinen Jüngern. Sie bleiben zurück und müssen die Wartezeit überbrücken, bis sich der Himmel an Pfingsten wieder für sie öffnet. In der Zwischenzeit sind sie hin – und hergerissen zwischen Hoffnung und Verzagen. Lohnt es sich dranzubleiben und in der Vorfreude auf ein Wiedersehn Gegenwart zu gestalten? Die Freunde Jesu fühlten sich schließlich neu von Gott berührt, begabt mit dem heiligen Geist und auf neue hoffnungsvolle Wege gewiesen. Ich wünsche es Ihnen und mir auch, dass nach den kleinen und großen Abschieden im Leben, immer wieder der Himmel aufreißt und wir neue Perspektiven erkennen und erleben dürfen. Von und mit der Hoffnung, dass auch beim  großen Abschied am Ende des Lebens Gott Leben und offenen Himmel schenkt, leben wir als Christen und Christinnen.

Nikola Lenke, Schulpastorin am Hölty-Gymnasium

Reben - 8.5.2021

Im Winter ist ein lebendiger Weinstock kaum von einem toten zu unterscheiden: beide sind braun, wie abgestorben. Und das monatelang. Wer einen Weinstock nach der Frostperiode beschneidet, muss damit rechnen, dass der Weinstock „blutet“, Flüssigkeit tritt durch die Schnittwunde aus, wenn der Weinstock lebendig ist. 

Im Frühjahr zeigen sich erste Knospen. Und wenn es deutlich wärmer wird, sprießen die Zweige, die Reben und setzen Blüten an, die dann zu Weinbeeren heranwachsen.

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“ (Johannesevangelium Kapitel 15)

Jesus hat sich mit einem Weinstock verglichen, und alle, die auf ihn vertrauen, mit Reben. Damit hat er ein Bild aufgenommen, das vielen vertraut war. Wein gehörte zum Alltag und war doch etwas Besonderes.

Jesus hat mit diesem Bild betont, wie wichtig die Verbindung seiner Freunde mit ihm ist. So wie die Reben nur Blüten und später Trauben tragen können, solange sie mit dem Weinstock verbunden sind, so brauchen alle, die auf Jesus vertrauen wollen, eine enge Verbindung mit Jesus.

Um diese Verbindung können wir Menschen uns sehr wohl kümmern – und wir sollen es auch. Wie können wir das tun? Wir können uns informieren, was es bedeutet, auf Jesus zu vertrauen, was er gesagt und gelehrt hat. Kurz: was der Inhalt des christlichen Glaubens ist. Oder mit anderen Worten: immer wieder Abschnitte in der Bibel lesen. Dafür gibt es viele Anleitungen und Lesepläne, also wie wir die Bibel einfach lesen können.

Und dann gehört dazu das eigene Gebet. Oder wie es einmal jemand formuliert hat: „Beten ist Reden wie mit einem Freund, einer Freundin“. Beten drückt eine vertraute Beziehung aus. Und es besteht nicht nur aus Worten, sondern auch aus Schweigen, in einer inneren Nähe zu Jesus. Dazu gehört der Austausch und die Gemeinschaft mit anderen Christinnen und Christen. Das sprengt zwar das Bild vom Weinstock, gehört aber zur Beziehung zu Jesus.

Wer Jesus vertraut, gehört zu Jesus wie eine Rebe an den Weinstock – und das wirkt sich positiv aus.

Ihr Pastor Friedrich Kanjahn, Pastor in Mardorf und Schneeren

Singt! - 1.5.2021

Och nee, nicht schon wieder diese ollen Kamellen. Mancher Dinge sind wir überdrüssig. Jeden Tag dasselbe Thema. Kennt jede in- und auswendig. Und dann bringt eine einen neuen Aspekt in die Diskussion ein. Guckt von einer anderen Stelle aus. Und sieht etwas, was andere übersehen haben. Eine neue Blickrichtung. Alle Menschen sind musikalisch - alle Menschen können singen. Ja, ich weiß schon. Jetzt denkt gerade jemand: ich kenn aber einen, der kann's nicht, trifft keinen Ton. Sagt er ja selbst von sich. Nur: es geht nicht um's Töne Treffen. Es geht um's Singen. Und wenn dieser Mensch sich wohlfühlt, dann fängt er doch an zu singen. Wenn sie in ihrem Element ist, legt sie los. Unter der Dusche, beim Hören des Lieblingssongs. Gott sei Dank! Denn Singen tut gut. Singen drückt Lebensfreude aus und kann sie von Neuem wecken. Viele behaupten sogar, es fördere die Gesundheit. Gerade wenn sich die Angst verliert, sich zu blamieren. Wenn niemand die Nase rümpft, wenn selbstverständlich alle mitsingen können und jede Stimme wichtig genommen wird im vielstimmigen Chor des Lebens. Ohne Singen gäbe es keine Kirche und keinen beglückenden Überschwang im Glauben. Die Bibel fordert einfach alle auf zu singen, und sogar die Bäume klatschen dabei manchmal in die Hände. (Jesaja 55, 12) Alle singen und machen Musik ohne Unterschied, Inklusion pur. Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder (Psalm 98). Und der Haken? Zusammen singen ohne Maske in geschlossenen Räumen: geht jetzt nicht. Manche unter uns haben sich was Neues einfallen lassen: Chormitglieder etwa, die einzelne Stimmen zu einem Chorgesang zusammengefügt haben. Mit Hilfe der Technik. Hinaus gesendet in die Welt. Nicht wie gewohnt. Oder sie haben besondere Orte gefunden und aufgesucht, wo sie mit dem gebotenen großen Abstand doch gemeinsam singen konnten. Das zählt: Menschen singen ein neues Lied, zur Freude Gottes und zu ihrer eigenen. Und bewahren sich die Vorfreude auf die Zeit, in der das wieder ohne großen Abstand geht.

Hartmut Peters, Pastor

Traumjob Gesellschaftsarchitekt*in - 17.4.2021

Es sind Zeiten, wo man nicht mehr weiß, wem man vertrauen kann. Es gibt „Leitwölfe“, die unser gesellschaftliches „Rudel“ mehr verwirren, als transparent zu führen. Es gibt Regeln, die niemand mehr versteht, was ja Grundlage für die Einhaltung ist. Und dazu kommt, dass in dieser Zeit das soziale Miteinander arg auf dem Prüfstand steht. Entfremden wir uns voneinander oder wachsen wir zusammen? Wird der Egoismus mehr gefördert oder die Solidarität?

Susanne Niemeyer bringt in ihrem neuesten Buch den Begriff des „Gesellschaftsarchitekten“ (m/w/d) auf, der mich sehr begeistert hat. Immerhin gibt es hier 7,8 Milliarden offene Stellen und die Qualifikationen sind Fantasie, Engagement und Integrationsfähigkeit. Ein Job mit einer überirdischen Bezahlung, den man sofort beginnen kann; eine Bewerbung ist nicht erforderlich.

Wie soll es mit unserer Gesellschaft weitergehen? Wieviel Rücksicht, wieviel Gemeinschaftssinn sollen in einem Dorf, einer Stadt, einem Land die Normalität sein? Und wie geht man mit den Menschen um, die sich partout an keine Regeln und keine Absprachen halten? Wie fordert eine Gesellschaft eine Solidarität und das Gemeinwohl ein?

Selten gab es in den letzten 50 Jahren die Möglichkeit, ein globales Ereignis wie die aktuelle Pandemie zu nutzen, um die gesellschaftliche Ordnung zu hinterfragen. Durch die Kontaktbeschränkungen haben wir viel freie Zeit, uns als Gesellschaftsarchitekt*in zu betätigen für eine Post-Covid-Kultur, die nicht aus einem übergroßen ICH und dem gepflegten Blabla besteht, sondern einen nachhaltigen Wandel befördert. Und letztendlich werden sich daran auch unsere Volksvertreter in diesem Superwahrjahr messen lassen müssen. Denn auch das steht im Matthäusevangelium: „Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.“

Wenn Sie Lust haben: Willkommen als Gesellschaftsarchitekt*in!

Jörg Mecke, Prädikant im Kirchenkreis Neustadt-Wunstorf

Im Verborgenen - 10.4.2021

Was sollten sie denn jetzt tun, fragten sich die Jünger und Freund:innen Jesu, nach seiner Kreuzigung, angesichts des leeren Grabes. Sie hatten ja nicht einmal einen Ort für ihre Trauer.

Sie versteckten sich. Sie waren ratlos und enttäuscht, fühlten sich hoffnungslos.

Zwei hielten es nicht mehr aus, liefen weg, wollten nichts mehr hören und sehen.

Heute haben wir ein neues Wort dafür: mütend: müde, wütend, erschöpft, enttäuscht.

Ausweglos erschien ihnen ihr Leben.

Es brauchte Zeit, lange Zeit, viele Gedanken und Gespräche um zu begreifen, zu verstehen, zu leben. Die Bibel fasst es in wundersamen Geschichten zusammen: ein taglanges Gespräch mit einem ihnen Fremden, der scheinbar nichts von allem weiß, und sie dann doch die Einsicht und Nähe spüren lässt, wie sie nur Jesus ihnen geben konnte.

Es brauchte viele Worte, mehr noch die vertraute Gemeinschaft miteinander, als sie miteinander das Brot brachen, erkannten sie es, erkannten ihn. Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter Ihnen. Seine Worte.

Die Zeit zwischen Ostern und Pfingsten brauchten sie - im Verborgenen.

Jesus wollte keine neue Religion, sagt Jürgen Moltmann, bekannter Tübinger Theologe, der dieser Tage 95 Jahre alt wurde. Zwei seiner Bücher haben mich im Studium dort beschäftigt: ‚Das Prinzip Hoffnung‘ und die ‚Kirche in der Kraft des Geistes‘. Neue Hoffnung, neues Leben entsteht dadurch, dass Kranke nicht ausgestoßen sondern geheilt werden. Und Ausgestoßene angenommen, an den Tisch, in die Gemeinschaft geholt werden. Christliches Leben ist keine Theorie sondern aktives Leben mit und für andere.

Ein anderer bedeutender katholischer Theologe, Hans Küng, ist diese Woche mit 93 Jahren gestorben. Berater im 2. Vatikanischen Konzil, lehrte mit Joseph Ratzinger seit 1960 in Tübingen. Dann trennten sich ihre Wege, er wurde zum radikalen Kritiker der katholischen Kirche, stritt mit den Päpsten um deren Unfehlbarkeit, den Zölibat, die Empfängnisverhütung, den Laienkelch und das gemeinsame Abendmahl aller Christen, forderte radikale Reformen. 

Ich saß 1979 in seiner Vorlesung über das Glaubensbekenntnis, als ihm die Lehrerlaubnis entzogen wurde. Die Hälfte der Vorlesungszeit ging es um den Streit mit der römischen Kirche. 

Die Uni richtete dann eigens für ihn einen Lehrstuhl für Ökumenische Theologie ein und er gründete die Stiftung Weltethos. „Es gibt keinen Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen“, war er überzeugt. Wir müssen voneinander mehr wissen, mehr verstehen, es braucht mehr Dialog. Es braucht weltweit verbindliche Normen, Werte, Ideale  und Ziele. Aufeinander zugehen, miteinander reden, miteinander leben.

Ostern bleibt kein unglaubliches Geschehen, wenn wir dies zu leben suchen.

Ele Brusermann, Pastor i.R.

 

Ich weiß, dass mein Erlöser lebt… (Hiob 19,25) - 3.4.2021

Wir wissen gar nichts. Wir wissen weder, woher das Virus kommt. Wohin es uns führt. Noch was wirklich hilft, sich davor zu schützen. Selbst die Wissenschaft, deren Name verspricht, Wissen zu schaffen, erscheint verunsichert. Wen wundert es, dass so viel Unwissenheit zu unsinnigem Wissen verleitet. Einem Wissen, das nur behauptet, etwas zu wissen. Etwa, dass es dieses gefährliche Virus gar nicht gäbe. Nun macht es aber einen großen Unterschied aus, ob jemand aus Unwissenheit behauptet etwas zu wissen. Oder ob jemand weiß, dass er unwissend ist und redlich versucht, dieser Unwissenheit Wissen abzuringen. Letzteres unterscheidet seriöse Wissenschaft von allem unseriösen Wissensgebaren.

Nun behauptet der christliche Glaube auch etwas zu wissen. Und er feiert dieses Wissen sogar. „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“, lautet die Osterbotschaft. Dabei handelt es sich um kein Geheimwissen aus der Kategorie: „Ich weiß etwas, was du nicht weißt.“ Glaubenswissen ist Vertrauenswissen. Worauf vertrauen wir? Das wollen wir wissen. Wenn das Gegenüber unklar wird, schwindet Vertrauen. Das gilt überall. Beim Vertrauen in einen Menschen, in die Technik, in die Politik, in Gott. Vertrauen ist nicht nur eine Haltungsfrage: will und kann ich vertrauen? Vertrauen ist ein Wechselspiel. Es lebt von mir und von meinem Gegenüber.

Gott er-löst. Diesen Glauben feiern die Kirchen zu Ostern. Wir werden nicht ab-gelöst. Das Virus will uns ab-lösen. Es konsumiert den Menschen wie eine Beute. Das Virus nimmt in Kauf, die gesamte Menschheit  auf-zulösen. Darum haben wir vor ihm zu Recht Angst. Gott er-löst. Er nimmt alles Leid von uns. Er er-hebt uns aus diesem Jammertal. Was für ein Trost in dieser trostlosen Zeit! Unglaublich? Ja! Unglaublich! Der Glaube ringt mit dem Unglauben, wie das Wissen mit dem Unwissen. Darum: wie das Wissen die Schulen braucht und die Universitäten, so braucht der Glaube die Kirchen. Orte, den Glauben zu suchen und ihn festlich zu empfangen.    

Tilman Kingreen, Pastor in Wunstorf und Hannover  

Hilfe zum Leben! - 27.3.2021

Liebe Leserin, lieber Leser,

was für ein Chaos! So manches Mal habe ich das in den letzten Wochen gedacht. Was für eine Anstrengung! Da treten die Kanzlerin und drei Ministerpräsidenten vor die Kamera – sichtbar geschafft nach stundenlangem Ringen um den richtigen Weg durch die Wirren der Pandemie. Ehrlicherweise bin ich froh, dass ich diese gigantische Verantwortung nicht tragen muss. Es sind Entscheidungen zu treffen, deren Auswirkungen kaum zu übersehen sind. Ich möchte nicht tauschen!

Mehr als 75.000 Menschen sind im letzten Jahr in Deutschland im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion gestorben. So viele! Viele sind anders gestorben, als sie es wollten: auf Intensivstationen nach wochenlangem Ringen, statt von Angehörigen begleitet waren Pflegekräfte an ihrer Seite. Viele starben früher, als sie es gehofft hatten.

Anstatt diese Menschen zu betrauern, suchen wir nach Schuldigen. Anstatt die Verletzlichkeit unserer Existenz zu akzeptieren, sind wir gekränkt und verstört, welche Macht dieses Virus über uns gewonnen hat. Ich lebe gerne – sehr gerne. Aber ich weiß auch, dass Gesundheit ein flüchtiges Gut ist und ich sterben werde. Ich hoffe, dass es bis dahin nach dauern wird. Aber ich weiß es nicht.

Deshalb ist mir die Zuversicht, die Erfahrung so wichtig, dass ich auf meinem Lebensweg begleitet werde: von Christus. Ich hoffe, dass er mich durchs dunkle Tal von Krankheit und Sterben begleiten wird. Und ich hoffe, dass er mich nicht dem Tod überlassen wird. Karfreitag und Ostern. Das, woran wir gerade denken, hat mit mir zu tun: unmittelbar. Es erinnert mich daran, dass ich Mensch bin – verletzlich von Geburt an. Und dass ich Gott brauche. Damit ich lebensfroh bin und der Zukunft gelassen entgegen gehe. Damit ich Barmherzigkeit erfahre – und sie üben kann. Auch denen gegenüber, die so große Verantwortung tragen. Glaube hilft zum Leben – hier und heute!

Ich grüße Sie herzlich!

Oberlandeskirchenrat Hans-Joachim Lenke, Vorstandssprecher Diakonisches Werk in Niedersachsen

Der Sturm legt sich- 20.3.2021

Mitte März vergangenen Jahres begann der Lockdown in Deutschland. Heute wissen wir, dass er nur der erste war. Am Sonntag Lätare, dem Sonntag, den wir in der vergangenen Woche gefeiert haben, war das erste Mal nirgendwo im Land mehr Gottesdienst.  Dabei ist dieser Sonntag, wie Karin Puy letzte Woche rosarot erzählt hat, „Klein-Ostern“. Lätare bringt eigentlich ein bisschen Freude in ernste, stille Zeiten.

Wie das Steinhuder Meer, in dem sich die Strahlen der Sonne brechen.

Einmal fuhr Jesus mit seinen Jüngern auf einen See hinaus. Zunächst verlief die Fahrt ruhig.

Doch  dann brach ein gewaltiger Sturm los. Hohe Wellen schlugen ins Boot, es lief voll Wasser und drohte zu versinken.

Meine Seele ist aufgewühlt – in diesen Zeiten. Seit einem Jahr warte ich darauf, dass der Sturm sich legt. Ich sehne mich nach einer Prognose wie es weiter geht. Wann endlich die Zahlen sinken. Treffen möglich werden mit Menschen, die ich schon lange nicht gesehen habe. Die misstrauischen Blicke verschwinden, wenn ich im Supermarkt an einem Fremden vorbei gehe.

Vor einem Jahr wirkte alles noch wie ein kleines Brausen, das sicherlich bald aufhören würde. Und plötzlich - ist ein Jahr um und alles ist anders. Der Sturm hat sich nicht gelegt, sondern bläst mit immer stärkeren Böen.

Die Jünger wandten sich in ihrer Angst an Jesus. Sie suchten und fanden ihn hinten im Boot . Er schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? (Lehrtext für den 20. März 2021)

Manche von uns haben vielleicht im Moment genau dieses Gefühl, das auch die Jünger haben. Die Schließungen sind für Ladeninhaberinnen und Restaurantbesitzer existenzbedrohend. Andere haben Angst vor der Ansteckung. Und wieder andere sind einsam.

Der Sturm wird ein wenig schwächer, wenn: Die Verkäuferin im Buchladen sagt: In dieser Zeit im Lockdown haben mir so viele Kundinnen und Kunden die Treue gehalten. Der Wind nimmt ab, wenn: Der Opa sich mit seinen Enkeln zu einem Spaziergang mit einer Kugel Eis verabredet. Die Sonne kommt raus, wenn: Der Nachbar die Tüte mit den Einkäufen vor die Tür stellt.

„Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme! Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille.“

Auf die große Stille warten wir. Darauf, dass sich, vielleicht schon im Sommer, die Sonne auf dem Steinhuder Meer bricht. Und in der Zwischenzeit: Lassen Sie uns dazu beitragen, den einen oder anderen Wind aus den Segeln zu nehmen.

Franziska Oberheide, Schulpastorin an der Ev. IGS Wunstorf

 

Rosa Freude - 13.3.2021

Das Kirchenjahr ist bunt. Mit den liturgischen Farben gehen wir durchs Kirchenjahr. Weiß sehen wir an Weihnachten und Ostern. Im Sommer, wenn alles wächst und reift, dann „grünt“ es auch in den Kirchen! An Pfingsten oder am Reformationstag legen die Kirchen Rouge auf, der Altarschmuck ist dann Rot wie die Farbe der Energie und der Kraft. Schwarz gibt es nur an einem Tag, am Karfreitag. Dann gibt es noch Lila, die Farbe der Fastenzeiten im Advent und vor Ostern sowie am Buß- und Bettag.

Und noch eine Farbe kommt: Rosa!

Rosa wird nur am 4. Sonntag der Fastenzeit und am 3. Adventssonntag verwendet. Die liturgische Farbe Rosa ist an beiden Sonntagen ein Zeichen dafür, dass mehr als die Hälfte der Vorbereitungszeit auf Ostern (und Weihnachten) vorüber ist. 

Morgen ist der 4. Sonntag der Fastenzeit, so etwas wie Halbzeit. Sein Name ist Lätare, das heißt „Freue dich!“. Wir sollen und können uns freuen: Der lange Weg bis zum Osterfest, dem Fest der Auferstehung ist halb geschafft.

Die meisten Kirchengemeinden werden morgen weiterhin in Lila / Violett geschmückt sein. Da die Farbe Rosa so selten gebraucht wird, verfügt nicht jede Kirchengemeinde über solchen Kirchenschmuck. Aber in die Farbe Violett mischt sich zumindest gedanklich schon eine hellere Farbe, ein Hauch von Ostern spürt man an diesem Sonntag, auch manchmal „Klein-Ostern“ genannt.

Ob die Menschenmenge damals in Jerusalem eine rosarote Brille aufhatte, weil Jesus in der Stadt war? 

Er kam zum Passahfest wie Tausende andere auch. Doch war es sofort anders: Großer Einzug. Grüne Zweige. Rote Wangen vor Eifer und Freude. Alle wollten ihn sehn. 

Freut euch! Freut euch mit Jerusalem, die Stadt in der auch Jesus das Passahfest feiern will. Freut euch an den Rosen, solange sie blühen. Freut euch am Brot, das euch nährt und rosa Wangen macht, wie man so schön sagt.

Freue dich! Freut euch alle!

Karin Puy, Lektorin, Kirchengemeinde Luthe

Es geht wieder los! - 6.3.2021

Haben Sie sie auch schon entdeckt? An einigen Stellen habe ich die ersten Knospen der Narzissen entdeckt. Jetzt heißt es: „Es geht wieder los!“. Die eiskalten Tage liegen hinter uns die Natur startet durch. Nach der gemütlichen Zeit drinnen im Wohnzimmer ist die Freude groß wieder draußen sein zu können. Spaziergänge zu machen, im Garten zu arbeiten oder einfach morgens auf dem Weg zur Arbeit nicht mehr so sehr frieren zu müssen. Ich freue mich darüber jeden Tag entdecken zu können was sich verändert hat, was wieder anfängt zu wachsen. Zugegeben, ich mag den Winter, der Schnee war schön und die Kinder hatten viel Spaß beim Rodeln dennoch – Alles hat seine Zeit. Jetzt tut die Sonne gut, Zeit die warmen Stahlen zu genießen, einen Tee oder Kaffee draußen zu trinken und ab und zu mal „in sich“ und die Natur hineinhören.

Auch für die Kinder ist es eine Freude. Sie haben sich die Sandkiste zurückerobert und die Schlittschuhe gegen InlineSkates getauscht. Was kann es da noch schöneres geben? Halt...obwohl…nun ja. Der Blick in die Zeitung, den Fernseher oder das Internet verrät es. Da sind sie, die negativen Berichte. Es ist immer noch „Corona“, weiterhin ist das öffentliche Leben eingeschränkt, vieles geplante kann und wird nicht stattfinden können. Die Berichte können einem ganz schön die Stimmung verhageln. Und dann denke ich in doppelter Hinsicht: „Lass Dich nicht anstecken“, genieße den Moment, suche das Besondere im Alltag und freue Dich daran und das ganz bewusst.

In der Jahreslosung (Lukas 6,36) heißt es: „Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch eurer Vater barmherzig ist“. Ein Vers, der auf den ersten Blick weder etwas mit Sonnenstrahlen noch mit negativen Berichten zu tun hat. Doch genau darin liegt der Reiz. Barmherzigkeit, also das Herz für Andere und auch für uns selbst öffnen, hilft. Hab Andere im Blick, sehe Anderen und dir selbst etwas nach. Genießen Sie die kleinen Freuden!

Tanja Giesecke, Diakonin in der Stifts-Kirchengemeinde

Noch mehr Verzicht? - 27.2.2021

Vor eineinhalb Wochen hat die Passionszeit begonnen, und damit gibt es auch wieder Vorschläge, diese Zeit bewusster zu gestalten. Am bekanntesten ist die Aktion „Sieben Wochen ohne“. Sind Sie mit dabei? 

Passt diese Aktion in dieser Zeit, in der  nicht wenige Selbständige um das wirtschaftliche Überleben kämpfen? In der wir alle in verschiedenen Bereichen verzichten müssen.

Die Meinungen dazu sind sehr verschieden: manche lehnen weiteren Verzicht grundsätzlich ab, weil der erzwungene Verzicht schon etliche Wochen andauert. Andere meinen, dass mit einem freiwilligen Verzicht die Passionszeit bewusster gestaltet werden kann. Und in der Tat: Verzicht in der Passionszeit unterscheidet sich grundsätzlich von dem erzwungenen Verzicht aufgrund des Lockdowns: erstens ist dieser Verzicht freiwillig: wenn ich mich beteilige, dann suche ich mir einen Bereich, der mir persönlich wichtig ist: Verzicht auf Süßigkeiten, auf Salzgebäck, auf Alkohol oder Lieblingsangewohnheiten.

Es gibt einen weiteren Unterschied: dieser persönliche Verzicht ist begrenzt. Mit Ostern endet die Passionszeit, damit auch die Aktion „Sieben Wochen ohne“. Der erzwungene Verzicht ist darum so schwierig, weil wir alle nicht wissen, wann es Lockerungen geben wird.

Darum gibt es auch in diesem Jahr den Aufruf, sich an „Sieben Wochen ohne“ zu beteiligen – auch jetzt können Sie sich noch beteiligen. Dabei geht es nicht darum, irgendeine Leistung zu erbringen oder zu beweisen, auf was alles Sie verzichten können. „Sieben Wochen ohne“ will das Leiden Jesu näher bringen, bewusster machen für das eigene Leben. Darum geht es nicht nur um Verzicht, sondern genauso um mehr Zeit für die Stille vor Gott und für das persönliche Gebet. So können „Sieben (jetzt noch fünf) Wochen mit“ neuen Erfahrungen werden.

Friedrich Kanjahn, Pastor in Mardorf und Schneeren

Die Schönheit des Winters - 20.2.2021

Haben Sie sie gesehen? Die Schönheit des Winters! Glänzende weiße Pracht, und sogar bei Dunkelheit leuchtet die Welt. Außerhalb von Stadt und Dorf ein Gefühl von Weite: weite, glitzernde Flächen. Doch begebe ich mich hinein in diese Winterwelt und wandere über verschneite Feldwege, kann ich auch die Stille vernehmen, die der Schnee mit sich bringt. Alle Geräusche klingen nur gedämpft. Außer dem eigenen Atem und dem Knirschen des Schnees unter den Schuhsohlen ist nichts zu hören.

In Malerei und Poesie wird der Winter mit der letzten Lebensphase verglichen – dem Alter und Sterben. Weil in der Natur bei wochenlangen Minusgraden alles abstirbt. Nach dem Frühling meines Lebens – Geburt und Kindheit, Schulzeit, erste Liebe – folgen Sommer – das Erwachsenwerden, Berufsstart, Kinder in die Welt setzen – und Herbst – Wechseljahre, die Kinder verlassen das Haus, die eine oder der andere startet beruflich noch einmal durch, und man muss die eigenen Eltern loslassen, die Berufszeit abschließen. Und dann naht der eigene Winter mit seinen Beschwerlichkeiten und seiner Schönheit.

In der vergangenen Woche durften wir üppig die Schönheit des Winters genießen. Auch sie gibt ein Bild für das Leben her: Wie ein großes weißes Feld breitet sich das Leben vor einem aus, wenn man zurückblickt. Klar und hell, vielleicht auch stechend steht es vor Augen. Doch ich darf es anschauen, muss nicht die Augen verschließen, muss mir nichts schöner reden, als es gewesen ist – Schönheit liegt dennoch darin: Trotz der dunklen Flecken ist es überzogen von Millionen glitzernder Kristalle.

So ein ehrlicher Rückblick ist nicht einfach. Dazu braucht man Übung. Eine Person des Vertrauens. Selbstliebe, eigene Schönheit anzuerkennen. Mut, Fehler einzugestehen. Doch zuallererst und zuletzt das Vertrauen, in Gottes Zeit und Ewigkeit aufgehoben zu sein. Hier ist Schönheit.

Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an. (Psalm 73,23-24)

Pastorin Susanne v. Stemm, Bokeloh

Augen auf für die Liebe – nicht nur am 14. Februar - 13.2.2021

Morgen ist Valentinstag, der Tag der Liebenden. Der Bischof Valentin hat der Überlieferung nach Liebespaaren Blumen geschenkt. Ob er mit den Blumen sagen wollte: lasst eure Liebe wachsen wie die Blumen? So wie die Blumen die Menschen erfreuen, so könnt auch ihr mit eurer Liebe Freude schenken? Umsorgt eure Liebe so wie die Blume Wasser und Licht benötigt? Ich kann ihn das nicht mehr fragen. Er selbst soll am 14. Februar 269 wegen seiner Treue zu Christus als Märtyrer gestorben sein. Schön finde ich, dass dieser Bischof wohl ganz offene Augen gehabt hat für die Liebe der Menschen. Mir begegnet die Liebe in ganz verschiedenen Momenten:

Wenn Sara auf der Kinderfreizeit ein großes Herz malt für ihre Eltern und ihre kleine Schwester. Auch ihren Hund vergisst sie nicht. Wenn Leonie und Alexander vor der kirchlichen Trauung erzählen, dass sie sich über das Internet kennengelernt haben und sie sich sofort super verstanden haben. Natürlich legen sie ein Herz aus Buchsbaum um die Stühle in der Kirche. Wenn August mit leuchtenden Augen von der ersten Begegnung mit seiner Inge erzählt. Sie feiern gerade ihren 60. Hochzeitstag. Wenn Maria im Pflegeheim der alten Frau zum Geburtstag Rosen schenkt. Der Duft erinnert sie an die Rosen im eigenen Garten. Wenn Britta mit den Tränen kämpft, weil die Liebe zu Sven im Alltag untergegangen ist. Sie ist erstmal aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Wenn ich die faltige Hand von Kurt sehe, mit der er am Sterbebett die Wange von seiner Frau streichelt. Worte brauchen die beiden nicht. Wenn Charlotte erzählt, dass ihre Freundin sie im lockdown jede Woche anruft. Wenn es wieder erlaubt ist, will sie sich mit einer Umarmung bei ihr bedanken. Wenn Markus seinem Patenkind Max verspricht, immer für ihn da zu sein. Er will ihm von Gottes Liebe erzählen. Wenn ich die Rose auf dem Grab von Sophie sehe. Ihr Mann hat sie zu ihrem fünften Todestag hingelegt. Beim Spaziergang hat er mir seine neue Partnerin vorgestellt. Wenn Patrick auf dem Konfirmandenferienseminar gespannt darauf wartet, von Annika eine Gute-Nacht-Post zu bekommen. Vor drei Tagen hat er sie zum ersten Mal gesehen. Wenn …

Soviel Liebe. Ohne Liebe könnten wir nicht leben. Wie wunderbar, dass Gott uns Menschen liebt und uns mit der Fähigkeit zur Liebe geschaffen hat.

Christa Hafermann, Pastorin in der ev.-luth. Kirchengemeinde Kolenfeld

und stellvertretende Superintendentin im Kirchenkreis Neustadt-Wunstorf

Jagd auf den Konjunktiv - 30.1.2021

Keine andere Form von Verben bringt die Zuhörenden so zur Weißglut und die Akteure gleichzeitig so in Wohlgefallen wie der Konjunktiv. In Sitzungen von Gremien in Politik, Vereinen und auch der Kirche ist der zu finden, füllt die Sitzung und lässt ein gutes Gefühl zurück. Dabei sagt es nichts aus: „Man müsste mal…“, „man könnte doch…“, „wir sollten auch…“. Der uns in der Schule als „Möglichkeitsform“ vermittelte Konjunktiv, sagt noch nicht einmal aus, ob es möglich ist.  Und so kann man sich ergehen in Floskeln, ohne wirklich etwas zu bewegen. Herrlich für die einen, frustrierend für die, die warten.

Dem Ex-Präsidenten der USA Dwight D. Eisenhower wird ein Prinzip zugeschrieben, das immer wieder fragt, was ist dringend und was ist wichtig. Das Eisenhower-Prinzip dient der Priorisierung: Zuerst das, was dringend und wichtig ist, dann das Wichtige, dann das Dringende. Alles, was weder noch ist, kann wegbleiben. Wenn wir Menschen danach handeln, werden es diese dringlich-wichtigen Aufgaben kategorisch verbieten, herum zu lamentieren. Man wird vielmehr den Fokus auf die Erledigung der Aufgabe setzen.

Alle Zuschauenden verstehen es nicht, wenn anvertraute Aufgaben nicht erledigt werden oder wenn es keinen sichtbaren Erfolg gibt. Es muss allen Amtsträgern klar sein, dass sie immer wieder unter Beobachtung stehen: Machen sie was oder reden sie nur? Für ein „Man müsste mal“ ist da keine Zeit, kein Platz und kein Verständnis. Schöne Worte helfen nicht, sondern das Handeln: Verändern, Gestalten, Helfen.

In diesem Jahr sind die Christen im deutschsprachigen Raum durch eine Jahreslosung, die man wie ein Motto sehen kann, besonders zur Barmherzigkeit aufgerufen, diese Art der praktischen Nächstenliebe. „Meine Kinder, unsere Liebe darf nicht nur aus schönen Worten bestehen. Sie muss sich in Taten zeigen, die der Wahrheit entsprechen: der Liebe, die Gott uns erwiesen hat“. So steht es im 1. Brief des Johannes. Keine schönen Worte, handeln. Ohne Konjunktiv.

Ab 17. Februar ist Fastenzeit. Ein „Konjunktiv-Fasten“ – ein bewusstes Verzichten auf die Möglichkeitsform bis Ostern – ist dabei ein gutes Ziel, damit wir als Gesellschaft einen echten Schritt nach vorne kommen.

Prädikant Jörg Mecke, Idensen

Schütten wir Gott unser Herz aus - 16.1.2021

Liebe Leser*in,

ich kann/ mag es nicht mehr hören. Corona hier – Corona da. Weitere Kontaktbeschränkungen und steigende Todeszahlen. Ich sehe die Menschen, deren Leben durch das Corona-Virus verändert wurde. Die Erkrankten und diejenigen, die um einen geliebten Menschen trauern. All die vielen Selbstständigen, Betriebe und Läden, die ums Überleben kämpfen, weil sie nicht öffnen dürfen. Ich sehe die Schüler*innen, die sich den Herausforderungen des Homeschoolings stellen müssen, die erschöpften Eltern, die einsamen Alten. Die Lage ist schlimm und gefährlich. Ich mag mich an jedes mutmachende Wort klammern, an jede Erzählung von Menschen, die Covid-19 gut überstanden oder für sich gute Wege in der Krise gefunden haben.

Im Buch der Psalmen finden sich viele Gebete von Menschen, die eine Krisenerfahrung erleben mussten. Man spricht hier von den sogenannten Klagepsalmen, sie sind sogar die am meisten vertretene Gattung in den Psalmen. Und sie laufen alle nach demselben Schema ab: Zuerst wird Gott angerufen, z.B. „Herr, wie lange willst du mich so ganz vergessen?“ (Ps 13,2). Daraufhin schildert der Betende Gott seine lebensbedrohliche Notlage, oft wird dabei nach dem Grund und Sinn dieses Leides gefragt. Es folgt die Bitte, dass Gott die Not beenden möge. Dann schließt der Klagepsalm mit der Versicherung, dass man auf Gott vertraue, z.B. „Ich traue aber darauf, dass du gnädig bist.“ (Ps 13,6)

Vielleicht müssen wir mehr Klagen. Und damit meine ich nicht das Beschweren darüber, dass man mit den Maßnahmen a), b), c) diese Situation besser in den Griff bekommen würde. Sondern lasst uns Gott unser Leid klagen. Jede*r für sich. Wir könnten die Tradition wieder aufleben lassen und Gott viel öfter unser Herz ausschütten. Denn nichts anderes ist die Klage, als Gott zu sagen, was uns belastet. Um am Ende darauf zu hoffen, dass wir diesen schweren Weg nicht allein gehen, sondern gemeinsam mit ihm.

Marit Ritzenhoff, Luthe

Ich brauche weniger, und es entsteht mehr! - 9.1.2021

Plädoyer für ein bewusst gefeiertes Weihnachtsfest

In diesem Jahr war ich am 2. Weihnachtstag wirklich erledigt. Die Corona-Weihnacht hat Gottes ehren- und hauptamtlichem „Bodenpersonal“ in den Gemeinden viel abverlangt. Wenn auch diese Arbeit – und ganz besonders in diesem Jahr – eine unvergleichlich befriedigende und schöne ist.

Ich will auch nicht jammern. Ihnen mag es ähnlich ergangen sein, dass Sie vor lauter Vorbereiten und Feiern-Müssen die Andacht nicht mehr spüren, die uns das Weihnachtsfest bescheren will.

Ich jedenfalls dachte mir am 26. Dezember, Ausschlafen und ein paar Tage mit weniger Terminen ersetzen noch kein Weihnachtsfest. Ich wollte mehr: Ich wollte mir Zeit nehmen, um Weihnachten wirklich zu genießen, die „frohe“ Botschaft, das Evangelium in meinem Hause nachklingen zu lassen und mich daran zu erfreuen. Ich sang meiner Familie das Lied „The twelve days of christmas“ vor und gab bekannt, dass ich jeden dieser Weihnachtstage feiern wollte.

Und wie ich so dabei war, fiel mir etwas auf, das im Trubel des rasanten Alltags verloren gegangen war: Damit die Freude über das Kind in der Krippe ankommt, brauche ich weniger Einträge im Kalender, weniger Zeit am PC, überhaupt einfach weniger. Ich brauche weniger, und es entsteht mehr.

Zwei Beispiele dafür: Am fünften Weihnachtstag machte ich einen Besuch ohne anschließenden Termin. Und – o Wunder: Ohne Zeitdruck kamen im Gespräch Themen auf den Tisch, die lange nicht hervorgeholt worden waren. Hinterher draußen auf der Straße war ebenfalls Zeit, nochmal stehenzubleiben und mit jemandem, die ich von einem Trauergespräch kenne, ein bisschen zu reden.

Auch im Privaten: Am siebten Weihnachtstag nahm ich mir Zeit, endlich mal ein Brot zu backen, es zu probieren und beim Nachmittagskaffee zu diskutieren, welche Nüsse und Kerne drin schmecken und welche nicht. Und weil man da so gemütlich zusammensitzt, holt einer Karten raus, und es wird kräftig Uno gespielt. Dabei brennen die Kerzen am Tannenbaum, die anzuzünden schon 5 Minuten dauert.

Mein Resümee: Wenn ich mich bewusst entscheide, mit Zeit und Ruhe etwas zu machen, zieht es Kreise, nimmt andere mit hinein, Gespräche entstehen von selbst, Zufriedenheit breitet sich aus, Dankbarkeit für das besondere Weihnachtsgeschenk vom Kind in der Krippe: Ich brauche weniger, und es entsteht mehr.

Pastorin Susanne v. Stemm, Kirchengemeinde „Zum Heiligen Kreuz“ Bokeloh