„Widerstehen Sie der Islamophobie in Deutschland!“ Mit diesen mahnenden Bitte entließ uns Dr. Ulrike Dufner, Leiterin der Heinrich-Böll-Stiftung in Istanbul, nach ihrem bewegenden Vortrag zur Situation von Minderheiten in der Türkei. 20% der türkischen Bevölkerung sind Kurden. Unter dem Einfluss der herrschenden AKP distanziert sich  die sunitisch-muslimische Mehrheit immer stärker von den Kurden im eigenen Land. „Sie werden zum Feind der Nation hochstilisiert“, analysiert Frau Dufner die politische Lage. „Nicht der Kampf gegen die IS steht im Interesse der Politik, sondern die Ausgrenzung der Kurden.“ Eine „Kurdophobie“ habe eingesetzt und werde politisch angeheizt. Die Gefahr, die von den Muslim-Brüder und der IS ausgeht,  werde hingegen relativiert. So finde der Nato-Vertragspartner USA in der Türkei gegenwärtig wenig Unterstützung, die Nutzung von Militärbasen in der Türkei zum Kampf gegen IS werde ihnen verweigert und etwa die Schaffung eines Korridors, um Zugang zum stark umkämpften Kobane zu erlangen, strikt verworfen. Vom Schicksal traumatisierter Kinder, die vor den IS-Milizen aus Syrien geflohen sind, berichtet Frau Dufner aus eigener Anschauung. „An sich habe ich immer guten Zugang zu Kindern gehabt. Doch als ich in der letzten Woche bei den Flüchtlingen an der Grenze zu Syrien war, liefen die Kinder vor mir weg. Das habe ich noch nie erlebt. Ich war so erschrocken, wie tief ihre Angst ist vor jedem, der auf sie zukommt.“ `Ein Zelt für die Jesiden´ nennt sich die Kampagne, die Frau Dufner startet, um vor Einbruch des Winters beheizte Zelte für die Flüchtlingsströme bereitzuhalten. „Die Türkei macht ihre Grenzen auf und lässt die Flüchtlinge rein, überlässt sie dann aber ganz ihrem Schicksal.“ So ist auch bereits das Stadtbild in Fatih, dem Stadtteil von Istanbul, der als Migrationsmagnet gilt, geprägt vom Bild bettelnder kleiner Kinder, die als Flüchtlinge aus Syrien ihr Überleben zu sichern versuchen. Für Saisonarbeiten auf dem Feld erhält ein türkischer Arbeiter 20 Lira am Tag, syrische Flüchtlinge verdingen sich, um zu überleben, für 8 Lira am Tag. „Arm steht gegen Arm. Die sozialen Spannungen steigen.“, erklärt Frau Dufner die Folgen der Flüchtlingswelle und sie empfiehlt eindringlich, den politischen Dialog mit der Türkei gerade in der jetzigen Zeit nicht abreißen zu lassen. „Die Türkei fühlt sich als Opfer. Wird sie international ausgegrenzt, verstärkt sich dieses Gefühl.“ Und im Blick auf die restriktive Asylpolitik in Europa fühlt sich Frau Dufner gegenüber türkischen Vertretern sowieso oftmals in Erklärungsnot. Denn die Türkei gibt den IS-Flüchtlinge immerhin Zuflucht. Wir haben nach dem Gespräch den Eindruck, in Frau Dufner einer klugen und engagierten Kämpferin für die Rechte von Minderheiten begegnet zu sein. Sie lässt sich vom Leid der Menschen berühren. Sie deckt Leid auf und sie macht auch uns damit zu Wissenden. Und sie zeigt Handlungsmöglichkeiten auf, weiß um die Grenzen von Hilfsmaßnahmen und macht an ihrem eigenen Verhalten aber auch deutlich, wie Spenden als letzter Protest gegen die Übermacht von Gewalt und Krieg alternativlos sind und zum Zeichen der Hoffnung werden können. 600,-€ kostet ein Zelt für die Jesiden. Damit können einige zumindest den nächsten Winter überstehen.

Tilman Kingreen