Gespräch mit Stadtrat Ramiz Polat (Stadtteil Fatih)

Die historische Altstadt von Fatih liegt zwischen dem Viertel Eminönü im Osten und der Theodosianischen Landmauer im Westen. Getrennt werden die Stadtteile heute vom Atatürk Bulvarı, einer Schnellstraße, die über die Atatürk-Brücke eine zweite Verbindung zum Norden der Stadt herstellt. Der Atatürk Bulvarı wird überspannt vom im 4. Jahrhundert erbauten Valens-Aquädukt (Bozdoğan Kemeri), der Fatih und Eminönü verbindet. Fatih ist seit Sultan Mehmed dem Eroberer berühmt für seine Medresen und Moscheen und war ein Bezirk der Gelehrten und Dichter.

Der Donnerstag endet mit einem Gespräch mit einem Lokalpolitiker, Ramiz Polat zu dem uns Mustafa Erkan aus Neustadt den Kontakt vermittelt hat. Begleitet wird er von Frau Nilüfer Türütgen (Beraterin des Bürgermeisters), die zu allen von uns angesprochenen Themen spontan die Fakten und Zahlen erläutern kann. Sie beeindruckt durch ihre Sachkompetenz! Wir werden zu einem leckeren Abendessen am Meeresufer eingeladen. Danach nehmen sich die beiden Vertreter viel Zeit für unsere Fragen.

Fatih ist ein Stadtteil von Istanbul und umfasst den ältesten Kern der Stadt. Heute wohnen in diesem Bereich rund 460000 Einwohner. Der Stadtteil hat - wie alle anderen Statteile - ein eigenes Parlament und einen eigenen Bürgermeister, Mustafa Debir. 37 Stadtverordnete sind für die Leitung dieses „Ortsrats“ zuständig. 25 davon gehören seit der Wahl im Sommer 2014 der Regierungspartei an, 12 sind Sozialdemokraten. Die Vertreter der Ortsräte bilden gleichzeitig das Parlament der Großstadt. Ihre Zahl richtet sich nach der Bewohnerzahl der Stadtbezirke. Sie sind wie auch unsere Ortsräte ehrenamtlich tätig.

Ein großer Teil der Aufgaben, die in Deutschland kommunal gelöst werden, sind in der Türkei der Zentralregierung in Ankara vorbehalten, etwa Schule und Polizei.

Der Vertreter berichtet uns von den Erfolgen der AKP in den letzen beiden Amtsperioden. Kurz vor unserem Besuch sind sie mit der beschriebenen deutlichen Mehrheit wieder gewählt worden. So wurden z.B. die Grünflächen in den vergangenen 13 Jahren versiebenfacht. Die Stadt hat verschiedene der renovierungsbedürftigen (oder nicht erdbebensicheren) Häuser aufgekauft und sanieren lassen. Nun werden sie mit Gewinn selber betrieben. So ist z.B. das Restaurant, in dem wir sitzen im Besitz der Stadt. Direkt am Bosporus-Ufer gelegen, werden Gerichte knapp über dem Selbstkostenpreis angeboten, so dass auch für einfache die Bürger Gelegenheit ist, in exzellenter Lage gut essen zu gehen. Im Keller ist ein schöner Trauungsraum entstanden. Uns erscheint er riesig, aber offensichtlich werden Trauungen hier größer gefeiert als bei uns. In den 13 Jahren konnten 4700 der denkmalgeschützten Häuser im Stadtteil restauriert werden.

Im ganzen Stadtteil gibt es kein Seniorenheim. Der Familienzusammenhalt sei so gut, dass dafür kein Bedarf bestehe. Dafür gibt es verschiedene Unterstützungsangebote für die Pflege in den Wohnungen.  In Fatih werde z.B. an 2500 Personen Essen auf Rädern ausgeliefert. Diese Zahl erscheint uns angesichts der Größe des Bezirks allerdings recht niedrig.

Es hat in der Vergangenheit eine deutliche Wanderungsbewegung aus Anatolien in Richtung der Großstadt Istanbul gegeben. So sind zuerst die Väter gekommen, um zu arbeiten. Diese hätten dann die Familien nachgezogen. Im Alter würden dann die Eltern in die Heimat zurückkehren, die Kinder aber im städtischen Kontext bleiben. Erst allmählich gelingt es der Regierung die Wanderung auch in die anderen türkischen Großstädte zu leiten.

Auch von den syrischen Flüchtlingen wandern zurzeit viele nach Fatih und in die anderen armen Bezirke Istanbuls. Sie verursachen mittlerweile erhebliche soziale Spannungen. Im Straßenbild fallen sie durch die z.T. organisierte Bettelei der Kinder auf. Diese wurde bislang aus humanitären Gründen geduldet, nun soll aber doch durch Verbote gegengesteuert werden.  Ein großer Teil der in Fatih lebenden Syrer seien relativ wohlhabend. (In anderen Gesprächen haben wir anderes gehört: Die Syrer arbeiten als Tagelöhner für rund zwei Euro und ruinieren damit den bisherigen Tageslohn, der sich bei rund acht Euro eingependelt hatte. Große Teile der türkischen Familien verlieren dadurch gerade ihr notdürftiges Einkommen). Zur Integration der Flüchtlinge werden kostenlose Sprachkurse, medizinische Versorgung und kostenlose Teilnahme am Schulunterricht angeboten.

Es besteht ein reger Austausch zwischen Fatih und der Partnerstadt Wiesbaden. Auf Nachfrage wird deutlich, dass im Wesentlichen deutsche Delegationen nach Istanbul reisen. Gegenbesuche sind recht selten.

Eine große Herausforderung für die Stadtverwaltung ist die Infrastruktur. Der tägliche Verkehrskollaps hindert eine weitere wirtschaftliche Stabilisierung. So fehlen vor allem in den Wohnbereichen Parkplätze für die Anwohner. Parkgaragen unter den Häusern sind kaum zu realisieren, da unter dem gesamten Stadtgebiet die Vergangenheit ruht und vor Grabungen erst umfangreiche archäologische Sicherungen vorgenommen werden müssten. Auch die Sicherung der Gebäude vor zu erwartenden Erdbeben (in den kommenden 10-15 Jahren wird mindestens ein Erdbeben der Stufe 7 erwartet) ist eine große Herausforderung. Per Gesetz sind alle Hausbesitzer dazu verpflichtet. Viele können das aber finanziell nicht tragen. (Wie wir aus anderen Quellen wissen, hat das teilweise zu Enteignungen und Grundstücksspekulationen geführt).

Bereits in Angriff genommen wurde die Erstellung eines Registers aller historischen Gebäude (auch der jetzt nicht sichtbaren), um die zukünftige Stadtplanung zu erleichtern. Dabei sind nach bisherigem Stand allein in Fatih rund 10000 Objekte zu erfassen.

In Istanbul wird die Arbeitslosigkeit auf rund 10% geschätzt. In Fatih soll es sogar eher noch weniger geben. Die Stadtverwaltung betreibt parallel zur offiziellen Arbeitsvermittlung (von Ankara gesteuert) eine eigene Arbeitsvermittlung, die stärker die Qualifikation der Arbeitssuchenden berücksichtigt. Als Arbeitslosengeld werden 2/3 des Mindestlohns ausgezahlt.

Zur Überwindung des Verkehrschaos wird entlang der alten Stadtmauer ein Rad- und Fußweg ausgebaut, von dem aus man in wenigen Minuten alle Punkte der Altstadt erreichen kann. Auch unser Gesprächspartner und der Bürgermeister sind begeisterte Fahrradfahrer (auch wenn das Rathaus zurzeit wegen der Baustellen mit dem Fahrrad nicht erreichbar ist). Auch dass zum Bau dieses Radwegs ein großer Teil des osmanischen Gärten eingeebnet werden mussten, erfahre ich erst später aus dem Internet.

Gegen die Gewalt gegen Frauen wurden regionale ehrenamtliche Beratungsstellen in den Vierteln eingerichtet. Ziel der Beratungen ist es, die Familienstruktur wieder herzustellen. In der Familie seien die Frauen am besten geschützt. (Dieser Illusion können wir aus unserer Beratungsarbeit nicht folgen.)

Zum Abschluss erhält Superintendent Michael Hagen von Nilüfer Türütgen einen Gedenkteller und revanchiert sich mit Neustädter Pralinen.

Thomas Gleitz