Liebe Leserin, lieber Leser,
seit vielen Jahren begleitet mich immer mal wieder eine kleine Geschichte aus der orthodoxen Tradition. Ein Mann ist mit einem kleinen Ruderboot auf einem großen See unterwegs. Als es ungefähr gleich weit zum Start und zum Ziel ist, zieht ein schweres Unwetter auf. Allem Unwetter zum Trotz: Er kommt gut am Ziel an! Dort wird er schon
bang erwartet. Und man staunt, wie er das geschafft hat: solche Wellen, solch ein Regen, solche Blitze und Donner – beängstigend. Wie hat er das bloß überstanden? Auf diese Frage antwortet der Mann: Ich habe gebetet, als könnte ich nicht rudern. Und ich bin gerudert, als könnte ich nicht beten!
In diesen Tagen der Pandemie geht mir diese kleine Erzählung öfter durch den Kopf. Die stetig steigenden Infektionszahlen, das neuerliche Einsickern der Infektionen in Häusern der stationären Wohneinrichtungen, der langsame Anstieg der Belegung auf den Intensivstationen – da braut sich ein Unwetter zusammen!
Und, um im Bild der Geschichte zu bleiben: Was machen wir – Sie und ich? Mein Eindruck: Wir rudern – ein bisschen. Der Umgang mit den Einschränkungen beschwert. Empfohlenene Kontaktbeschränkungen fallen schwer. Die Maske nervt. Und so gar nicht reisen – nicht einmal in den Herbstferien? Wir rudern – ein bisschen.
Beten wir? Bitten wir Gott um Bewahrung in dieser Zeit? Um Schutz für die Menschen, die wir lieb haben und um Bewahrung derer, die in den Häusern der Altenhilfe und der Eingliederungshilfe wohnen und arbeiten? Um Segen für das Ringen um das Leben der beatmungspflichtigen Patienten in den Intensivstationen? Persönlich gesprochen: Ich bete – ein bisschen.
Die kleine Geschichte kann ein Impuls sein, es so zu halten wie der fromme Mann aus der orthodoxen Tradition: Beten, als könne man nichts machen; Vorsicht walten lassen, als könne man nicht beten.
Bleiben sie behütet!

Hans-Joachim Lenke, Vorstandssprecher Diakonie in Niedersachsen / Oberlandeskirchenrat