Sie war noch immer wie in einer anderen Welt. Und ihre Kleidung der schwarze Schutzpanzer um ihren Körper und ihre Seele.

Niemals könnte sie sich vorstellen, wieder bunte Farben zu tragen. Froh zu sein, zu lachen. Wann war das das letzte Mal möglich gewesen?

Eigentlich hatte es ihr immer Spaß gemacht, sich etwas Neues zum Anziehen zu kaufen.

Aber was gibt es schon für eine Auswahl, wenn doch alles nur schwarz sein muss – das hatte ihr ihre Freundin gestern noch mit hochgezogenen Augenbrauen gesagt. Sieht doch eh alles gleich aus – so schwarz.

Ja, vielleicht stimmte das auch. Also hatte sie sich gestern in der Stadt für einen Rock entschieden. In Dunkellila. Immerhin – hatte ihre Freundin gesagt. Und sie hatte ihn heute auch angezogen. Nur das früher so herrliche Gefühl, wenn sie das erste Mal etwas Neues anhatte, das war weg.

Tief in Gedanken versunken lief sie die Straße entlang – guckte nicht nach links und nicht nach rechts.

Im Augenwinkel fuhr eine Frau auf einem Fahrrad an ihr vorbei.

„Du siehst toll aus“ hörte sie plötzlich. Aus ihren Gedanken gerissen drehte sie sich um. Die fremde Frau auf dem Fahrrad war schon weitergefahren. Aber: Sie drehte sich ebenfalls noch einmal kurz um und winkte, bevor sie um die Ecke fuhr.

 

Am Mittwoch hat die Passionszeit begonnen. Diese Wochen im Kirchenjahr sind dazu da, um uns an die Leidensgeschichte Jesu zu erinnern. Daran, dass er durch Judas verraten wurde. Dass er zu Unrecht und durch die Stimme der Menge zum Tode verurteilt wurde. Dass er gequält wurde, gehänselt und gefoltert. Und dass er dann schließlich am Kreuz gestorben ist.

Die Zeit vor Ostern, diese 7 Wochen, tragen in der Kirche die Farbe Violett.

Unser Blick richtet sich in dieser Zeit auf Gottes Weg mit uns Menschen. Dass er den schwierigen Weg gewählt hat, um uns voraus und nahe zu sein. Für uns - das ist Seine Liebeserklärung an uns, dass Gott uns auch in den Abgründen unseres Lebens voraus geht und mit uns trägt, was wir ertragen müssen. Bis in den Tod.

Gleichzeitig dienen diese 7 Wochen dazu, unseren Blick auch nach innen zu richten. Seit 1983 gibt es zu dieser besonderen Zeit im Kirchenjahr eine Aktion der Evangelischen Kirche. Dabei steht jedes Jahr unter einem bestimmten Motto.

Zuversicht! 7 Wochen ohne Pessimismus. Schlägt uns die Evangelische Kirche in diesem Jahr für die Zeit bis Ostern vor.

Sieben Wochen mit Zuversicht den Alltag zu begehen - das ist in manchen Situationen wohl kaum zu ertragen. Und doch: ER trägt uns. Geht uns voraus. Und weckt in uns die Hoffnung.

Sie ging die Straße weiter. Eine Windböe fegte plötzlich die Straße entlang. Reflexhaft schnellte ihre Hand auf ihren Rock. Sie schüttelte ihre Haare im Wind.

Was für ein Tag. Sie musste plötzlich lächeln.

Franziska Oberheide, Schulpastorin Ev. IGS Wunstorf