Haben Sie sie gesehen? Die Schönheit des Winters! Glänzende weiße Pracht, und sogar bei Dunkelheit leuchtet die Welt. Außerhalb von Stadt und Dorf ein Gefühl von Weite: weite, glitzernde Flächen. Doch begebe ich mich hinein in diese Winterwelt und wandere über verschneite Feldwege, kann ich auch die Stille vernehmen, die der Schnee mit sich bringt. Alle Geräusche klingen nur gedämpft. Außer dem eigenen Atem und dem Knirschen des Schnees unter den Schuhsohlen ist nichts zu hören.

In Malerei und Poesie wird der Winter mit der letzten Lebensphase verglichen – dem Alter und Sterben. Weil in der Natur bei wochenlangen Minusgraden alles abstirbt. Nach dem Frühling meines Lebens – Geburt und Kindheit, Schulzeit, erste Liebe – folgen Sommer – das Erwachsenwerden, Berufsstart, Kinder in die Welt setzen – und Herbst – Wechseljahre, die Kinder verlassen das Haus, die eine oder der andere startet beruflich noch einmal durch, und man muss die eigenen Eltern loslassen, die Berufszeit abschließen. Und dann naht der eigene Winter mit seinen Beschwerlichkeiten und seiner Schönheit.

In der vergangenen Woche durften wir üppig die Schönheit des Winters genießen. Auch sie gibt ein Bild für das Leben her: Wie ein großes weißes Feld breitet sich das Leben vor einem aus, wenn man zurückblickt. Klar und hell, vielleicht auch stechend steht es vor Augen. Doch ich darf es anschauen, muss nicht die Augen verschließen, muss mir nichts schöner reden, als es gewesen ist – Schönheit liegt dennoch darin: Trotz der dunklen Flecken ist es überzogen von Millionen glitzernder Kristalle.

So ein ehrlicher Rückblick ist nicht einfach. Dazu braucht man Übung. Eine Person des Vertrauens. Selbstliebe, eigene Schönheit anzuerkennen. Mut, Fehler einzugestehen. Doch zuallererst und zuletzt das Vertrauen, in Gottes Zeit und Ewigkeit aufgehoben zu sein. Hier ist Schönheit.

Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an. (Psalm 73,23-24)

Pastorin Susanne v. Stemm, Bokeloh