Alles ist anders in diesen Tagen. Mit dem Corona-Virus ist etwas über uns gekommen, das unser Leben in kurzer Zeit radikal verändert hat: Öffentliche Veranstaltungen sind abgesagt. Auf manche hatten wir uns lange gefreut. Geschäfte und Restaurants mussten geschlossen werden. Reisen sind unmöglich geworden. Viele wurden ins Homeoffice geschickt. Eltern oder Großeltern im Altenheim dürfen nicht besucht werden. Und unsere Gottesdienste in den Kirchen mussten wir absagen. Das hat es noch nie gegeben! Um die weitere Verbreitung des Virus zu stoppen, sollen wir auch Ostern möglichst zu Hause bleiben. Alles ist anders an Ostern.

Für viele wird die Bedrohung inzwischen höchst existentiell. Sie fürchten um ihre wirtschaftliche Existenz. Und denjenigen, die in den Krankenhäusern und Pflegeheimen arbeiten, tun alles, um zu helfen und Leben zu retten. Ärztinnen und Pfleger wissen nicht, wie oft sie bei dieser Pandemie vor schwere Entscheidungen gestellt werden, wem sie noch helfen können und wem nicht.

Aus Furcht in ihre Häuser zurückgezogen hatten sich auch in Jerusalem die Frauen und Männer, die Jesus nachgefolgt waren. Sie glaubten sich in großer Gefahr. Ihr großer Hoffnungsträger war am Karfreitag umgebracht worden. Er, der von Gott anders sprach und mit Menschen anders umging, als es damals üblich war. Umso mehr erstaunt es, dass seine Jüngerinnen und Jünger an Ostern wieder Hoffnung schöpften. Und sie taten das nicht aus eigener Kraft, sondern weil ihnen etwas widerfuhr, das ihnen wieder Hoffnung verlieh. Der Auferstanden überzeugte sie nicht durch gewaltige Erscheinungen, sondern durch Begegnungen: Jesus überrascht die hoffnungslosen Frauen auf dem Weg zum Grab. Und er hört seinen Jüngern auf ihren Weg von Jerusalem nach Emmaus zu. Er kennt ihre Zweifel, ihre Fragen; ihre Ängste und inneren Kämpfe.

Jesus hat den Tod überwunden. Diese Osterbotschaft nimmt uns Christen zwar nicht die Angst vor dem Tod. Aber die Angst lähmt uns nicht. Wir können sie bekämpfen, weil wir auf den Gott des Lebens vertrauen. Und der lässt immer wieder Zeichen der Hoffnung aufleuchten. Ein gewaltiges, einzigartiges war die Auferweckung Jesu. Viele andere kleine Hoffnungszeichen erleben wir jetzt in Zeiten von Corona. Es könnte doch sein, dass wir eine Revolution der Empathie und Achtsamkeit erleben. Eine grenzenlose Bewegung. Nicht wie das Virus, sondern stärker als das Virus und die Angst, die es verbreitet: Menschen, die Mitgefühl zeigen, die füreinander sorgen, die zusammenhalten, die sich auf das besinnen, was wirklich wichtig ist. Die Kontakthalten über Telefon, Briefe oder Mails und in der Nachbarschaft nachfragen. So erfüllt sich, was Dietrich Bonhoeffer in tiefster Nacht aufgeschrieben hat, nämlich „… dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“

Wir feiern in diesem Jahr anders Ostern. Nicht als großes Fest der Familie, bei dem wir alle gern zusammen rausgehen. Sondern eher still und zurückgezogen in unseren Häusern, so wie damals die Frauen und Männer in Jerusalem. Wir feiern anders - aber zusammen. Am Radio oder Fernsehern. Oder in so vielen digitalen Formaten, für die die Ideen gerade nur so hervorsprießen. Und wir machen die Erfahrung, dass wir auch darin Kraft bekommen. Diese Kraft Gottes bleibt – und kein Virus wird sie aufhalten können. Und die Welle der Hilfsbereitschaft, die durch Corona ausgelöst wurde, lässt uns Ostern anders erleben.

M. Hagen, Superintendent